• Eva Krummholz

Ein Tag wie aus der Dose, für den man nicht den Öffner findet


2 Stunden "verschlafen." 8 Uhr statt 6 Uhr. Super, beginnt schon gut. Mit Leopold in den Wald. Ich bin müde. Schlecht geschlafen. Mein Lieblingsradiosender kommt mit der frohen Botschaft rüber: Wassermann, Energielevel 100%. Ihre Lebensfreude steckt andere an. Eben. Geht doch. Ist auch gut so, ich erwarte heute Klienten, denen es nicht gut geht, no na nad. Sonst würde sie ja nicht kommen. Na wartet, meine Lebensfreude. Beschwingt noch in der Schlabberhose und ich Leiberl, ich erwähne jetzt nicht, dass ich ungeschminkt bin und die Haare wie immer schlampig zusammengebunden. (nicht so ganz Ladylike) ab zum Billig Discounter. Mehr geht ja zur Zeit nicht. Beim Eingang gleich ein Mann, der mit Blicke zuwirft. Ja, ich bin unwiderstehlich und voller Lebensfreude. (Ich denke, das waren so seine Gedanken), bis ich mit meinem Einkaufswagen in einen anderen Einkaufswagen krache. Ja, die stehen im Gang einfach in der Mitte herum. IMMER. Vom Kurzzeitbesitzer weit und breit keine Spur. Mein Blick hat Worte rausgeschrien. Oida, gehts noch? Pffff. Der Mann der mich noch (sicher schmachtend) angesehen hatte, sucht das Weite. Nicht mehr gesehen. Ich denke, der will meine Lebensfreude irgendwo im Gang 6 noch genießen.


An der Kassa, hinter mit ein Mann in Arbeitskleidung, ich kenne die Firma, denke mir, mein Gott, bei der Hitze, er muss draußen arbeiten. Natürlich lasse ich ihn vor. Aber vielleicht wollte er noch die Kühle der Klimaanlage genießen. Nichts da. Ich sprühe vor Lebensfreude. Und verdammt noch einmal, du kriegst das jetzt auch ab. Der Radiosender hat es gesagt. 100%. Sag danke.


Er stellt die Literflaschen auf das Förderband. Er legt sie nicht hin. Nein, mit jedem Ruckeln wackeln sie nur so drauf los und ich denke mir: Himmel, also echt jetzt? Das weiß jedes Kind. Man legt sie auf das Förderband. Und auch so, dass sie nicht wieder Richtung Verkäuferin rollen.

Ich beobachte ihn, er war schneller, bevor ich Ihn voller heutiger Lebensfreude anbrülle: "Hey, Flasche hinlegen. Das weiß jedes Kind. " Durch mein häufiges Einkaufen weiß ich aber, nein, es weiß nicht jedes Kind. Ich musste es nur früh lernen. Kindheitserinnerungen kommen hoch. Die strenge Verkäuferin in der kleinen Bäckerei, wenn ich wieder mal das Papiersackerl für die Brösel vergessen hatte. (Damals gabs Mehl und Brösel noch offen und jeder hatten eine Papiertüte mit der Aufschrift Mehl, Brösel. Der Blick und das: "Wenn du es wieder vergisst, musst du zurück gehen. Lern das endlich." Man lernt es.


Ein kurzes Augenverdrehen meinerseits und die Verkäuferin hat mich verstanden. Sie hat mich ganz sicher verstanden.

Ich bezahle, schiebe meinen Einkauf zu meinem Auto. Ah, da ist er wieder, der Mann, der mich schmachtend angesehen hatte. Warum hatte er es jetzt so eilig? Kleines Plaudern noch und ich kann dir den Tag mit meiner Lebensfreude ein wenig erhellen? Hallo? Weg ist er.


Wer nicht will, hat schon. Ab nach Hause, umziehen und tief durchatmen.


Und? Was machen deine Gedanken mit dir? Was triggert dich so? Wie lange schleppst du diese "Lebensfreude - Gedanken" mit dir rum? Warum ärgert mich, dass jemand die Flaschen nicht richtig aufs Förderband legt? Warum lächle ich nicht, wenn sie umfallen? Weil es eine Erinnerung an früher ist. An den Gedanken, wie selbstständig ich als kleines Kind sein musste. Ich wusste früh, wie man einkauft. Das waren Erinnerungen, die nicht so schön sind. Und da sind sie, diese Trigger, die dir den Tag versauen.


Es ist 10 Uhr. Ich freue mich auf meine Klienten, ich freue mich, über die Vögel im Garten und ich denke an den Arbeiter, der heute und die nächsten Tage draußen in der Hitze arbeiten muss. Da ist die Flasche am Förderband nicht so wichtig. Und auch meine Erinnerungen an eine vielleicht nicht so eine schöne Zeit als Kind. Als ich allein lernte, wie man richtig einkauft, statt mit Freunden zu spielen. Aber das sind Erfahrungen und macht den Menschen aus, der ich heute bin.


Es ist 10 Uhr. Mein Energielevel 100% ist für den ganzen Tag, sagen die im Radio. Also noch viel Zeit um andere mit meiner Lebensfreude anzustecken. Auf gehts. Die Aufwärmrunde vergessen wir jetzt einmal.


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